Tempelhof UNESCO Weltkulturerbe ?

Warum der Flughafen Tempelhof Weltkulturerbe werden sollte

In der aktuellen Diskussion um den Erhalt des Flughafens Tempelhof streiten sich Befürworter und Gegner neben dem juristischen Argument „Planfeststellung für BBI“ immer wieder um Fragen wie Wirtschaftlichkeit, Bedarf, Sicherheit und manchmal auch Privilegierung.
Neben diesen Argumenten gibt es aber eines, dass eigentlich mindestens genauso wichtig ist, und das vielen Berlinern offensichtlich viel bewusster ist, als der Politik: Dieses Argument heißt „Geschichte“ oder auch „kulturelle Errungenschaft“ oder „historisches Denkmal“. Kritiker nennen es „Rückwärtsgewandtheit“ oder „Nostalgie“.

Die UNESCO Welterbekonvention

Die Idee des UNESCO Welterbes entstand 1960, als in Ägypten der Bau des Assuan Staudamms unter anderem zur Überflutung Felsentempels von Abu Simbel führte. Im Namen des Fortschritts wäre hier beinahe ein einmaliges Bauwerk der Menschheitsgeschichte geopfert worden. Abu Simbel wurde umgesetzt und im Jahr 1972 entstand darauf die UNESCO Welterbekonvention, die es den teilnehmenden Staaten zur Pflicht macht, das sogenannte Welterbe zu erfassen und zu schützen. Sie wurde 1975 verabschiedet.
Natürlich ist Tempelhof noch nicht ganz so alt wie Abu Simbel, aber auch hier haben wir es mit einem Meilenstein in der Weltgeschichte, nämlich der Luftfahrtgeschichte zu tun. Allein dies könnte gemäß den Statuten der UNESCO ein Aufnahmekriterium sein. In Tempelhof kommt noch hinzu, dass der Flughafen in den 85 Jahren seines Bestehens die Geschichte auch ganz wesentlich mitgeprägt hat, und mithin Spiegelbild dieser Ereignisse geworden ist.
Die UNESCO Welterbekonvention definiert Kulturerbe in Abschnitt I Artikel 1:
Im Sinne dieses Übereinkommens gelten als "Kulturerbe"
Denkmäler: Werke der Architektur, Großplastik und Monumentalmalerei, Objekte oder Überreste archäologischer Art, Inschriften, Höhlen und Verbindungen solcher Erscheinungsformen, die aus geschichtlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen von außergewöhnlichem universellem Wert sind;
Ensembles: Gruppen einzelner oder miteinander verbundener Gebäude, die wegen ihrer Architektur, ihrer Geschlossenheit oder ihrer Stellung in der Landschaft aus geschichtlichen, künstlerischen oder wissenschaftlichen Gründen von außergewöhnlichem universellem Wert sind;
Stätten: Werke von Menschenhand oder gemeinsame Werke von Natur und Mensch sowie Gebiete einschließlich archäologischer Stätten, die aus geschichtlichen, ästhetischen, ethnologischen oder anthropologischen Gründen von außergewöhnlichem universellem Wert sind.
Wie man erkennen kann, gibt es nicht nur einen Grund, den Flughafen Tempelhof dazu zu zählen.

Die Kulturelle Errungenschaft

Erster Verkehrsflughafen der Welt

Der Flughafen Tempelhof war 1923 der erste Verkehrsflughafen der Welt, der den Betrieb aufnahm. Zuvor waren die damaligen Flugfelder eher Versuchsfelder für die noch junge Luftfahrtbranche. In Berlin-Johannisthal (nach der Wende leider zugebaut) kreisten ab 1909 die ersten Flugzeuge mit ihren waghalsigen Piloten.
In Tempelhof wurde aus den Versuchsfliegern zum ersten Mal ein Wirtschaftszweig. Auch die Deutsche Luft Hansa A.G. begann 1926 hier ihren Flugbetrieb.

Drittgrößtes Gebäude der Welt

Es ist bekannt, dass im Dritten Reich gerne mal etwas „größer“ und pompöser gebaut wurde. Mit 284.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche war das Gebäude zum Zeitpunkt seines Entwurfes im Jahr 1934 das flächenmäßig größte Gebäude der Welt, und hält heute immerhin noch Platz 3.
Dennoch greift es zu kurz, hier nur die übliche Nazigigantomanie am Werk zu sehen. Immerhin sahen die Planungen von damals bereits Passagierentwicklungen bis zum Jahr 2000 vor. Diese waren ziemlich kühn geplant, aber aus damaliger Sicht durchaus Anlass für reichlich Hangars und Gebäudekapazitäten.

Bautechnisch wegweisend

Das heutige Gebäude von Ernst Sagebiel wurde zu einer Zeit geplant, als in Tempelhof bereits das erste Flughafengebäude stand, jedoch noch kaum Erfahrungen mit der Verkehrsluftfahrt vorlagen. Sagebiel baute auch an den Flughäfen von Stuttgart, München-Riem und Wien, doch keiner davon ist auch nur annähernd vergleichbar erhalten wie Tempelhof.
Viele architektonische Entscheidungen von damals waren dennoch wegweisend für nachfolgende Verkehrsflughäfen in aller Welt. Stararchitekt Sir Norman Foster hat dies 2004 wunderbar mit seinem Satz auf den Punkt gebracht: Tempelhof ist die „Mother of all Airports“.
Die Unterteilung des Gebäudes in mehrere Funktionsebenen: Gepäckabfertigung, Anflug- und Abflugebene, ein separater Fracht- und Luftpostbereich findet man heute überall. Und wenn wir heute auf allen Flughäfen gewohnt sind, Einkaufszentren, Hotels und ganze Bürokomplexe zu finden, so sehen wir dies das erste Mal in Tempelhof verwirklicht.
Nicht durchgesetzt hat sich dagegen die damalige Idee, das Flughafendach gleichzeitig als Tribünenanlage für Großveranstaltungen und Aufmärsche zu nutzen. Manch einer hat sich sicher gefragt, warum am Gebäude die auffälligen Treppentürme stehen. Sie waren gedacht, um 100.000 Zuschauern Zugang zum Flughafendach zu bieten.
Aus diesem Grund erfolgte auch eine außergewöhnliche Dachkonstruktion: 40 Meter ausragende Stahlträger als Tribüne sind auch noch heute bemerkenswert.

Das Spiegelbild der Zeitgeschichte

Technikbegeisterung in den goldenen Zwanzigern

Weitgehend in Vergessenheit geraten ist heute die Tatsache, dass Berlin eines der Zentren der Luftfahrtgeschichte ist. Otto Lilienthal experimentierte in Lichterfelde, in Johannisthal entstand der 2. Flugplatz überhaupt, auch viele Flugzeugbauer waren hier ansässig. In dieser Technikeuphorie in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand der Wunsch, in Tempelhof einen stadtnahen Flughafen zu bauen.

Repräsentationsobjekt des Nationalsozialismus

Auch wenn viele Menschen diese Zeit lieber verdrängen. Das heutige Gebäude zeigt deutlich die Gedankenwelt des Nationalsozialismus. Mit den hohen Hallen, der Verkleidung durch Muschelkalk, den Ornamenten und seiner Ausstattung als Luftfahrt- und Aufmarscharena steht es klar für den damaligen Herrschaftsanspruch. Aber es stellt uns auch die Frage, wie leicht wir uns von dieser Symbolik beeindrucken lassen.

Zufluchtsstätte während des Zweiten Weltkrieges, Ort von Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit

Obwohl das Flughafengebäude kriegsbedingt nie fertig gestellt wurde diente es doch auch in unfertigem Zustand vielen tausend Berlinern als Zufluchtsstätte während des zweiten Weltkrieges.
Die Bunker und Katakomben in seinen Kellern, aber auch die autonome Wasser- und Energieversorgung boten sicheren Schutz für die Menschen, sie dienten aber gleichzeitig auch der Rüstungsindustrie. So ist bekannt, dass gegen Kriegsende Zwangsarbeiter im Eisenbahntunnel des Flughafens die Flugzeuge montierten, die nebenan auch gleich zum Einsatz rollen konnten.

Zentrum der Luftbrücke

Hätten im Jahr 1948 nicht General Lucius D. Clay und Bürgermeister Ernst Reuter den mutigen Entschluss gefasst, Berlin aus der Luft zu versorgen, die Geschichte Europas wäre wohl anders verlaufen. Die Luftbrücke war für über 40 Jahre der Grundstein für das gute Verhältnis von Deutschen und Amerikanern und der Beginn eines freiheitlichen Deutschlands.
Der Flughafen Tempelhof war logistisches Zentrum dieser Luftbrücke, die den Westalliierten größte logistische Leistungen und auch zahlreiche Opfer abverlangte.

Schauplatz des Kalten Krieges

Als West-Berlin im Kalten Krieg den äußersten Vorposten des Westens bildete, spielte der Flughafen eine zentrale Rolle. Hier befand sich die amerikanische Nachrichtenzentrale zur Überwachung des osteuropäischen Luft- und Funkverkehr, hier wurden die Agenten ein- und ausgeschleust und manchmal auch zum Austausch an die Glienicker Brücke gefahren.
Hier landeten Staatsmänner und Kulturschaffende aus aller Welt. Hier flogen DDR Bürger ein, die polnische Passagierflugzeuge zur Republikflucht entführten und reisten diejenigen aus, die sich in anderer Richtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung entziehen wollten.
Und es fand auch zum ersten und einzigen Mal ein alliierter Gerichtsprozess mit amerikanischem Richter und deutschen Geschworenen statt.

Verlierer der Wende

Wie in einer Zeitkapsel hat der Flughafen Krieg und Kalten Krieg überlebt. Eigentlich wäre daher 1993 mit dem Abzug der US Air Force das Jahr gewesen, an dem der Flughafen endlich die ihm ursprünglich zugedachte Funktion hätte erfüllen können. Mit 1,1 Mio. Passagieren wäre eine gute Basis vorhanden gewesen.
Doch wie viele Fehlentscheidungen der Nachwendezeit wurde auch 1996 der sogenannte „Konsensbeschluss“ getroffen, nachdem alle Berliner Flughäfen zugunsten des Ausbaus von Schönefeld geschlossen werden sollen. Seitdem steuert man in Tempelhof mit den Passagierzahlen bergab, in Tegel steil bergauf und in Schönefeld meistens drunter und drüber.

Fazit

Der Flughafen Tempelhof ist etwas Besonderes und er wird auch immer etwas Besonderes sein. Er hat aufgrund seiner Lage und Größe gar keine Chance, ein „normaler“ Flughafen zu sein. Durch seinen jahrzehntelangen Sonderstatus hat er uns einen Zustand überliefert, den es sonst nirgendwo mehr auf der Welt gibt.
Wer heute durch das Gebäude geht, erlebt den monumentalen Baustil, sieht die verlassenen Sauna- und Fitnessanlagen über der Haupthalle, erlebt die Nachrichtenräume und Büros der US Airbase. Wer auf dem Dach steht, sieht die Zugänge zu den Tribünen, die Rollwege und Landebahnen aus der Zeit der Luftbrücke und die Wege rund um das zerstörte alte Empfangsgebäude.
Wer in die Bunker und Katakomben hinabsteigt sieht die Wilhelm-Busch Zeichnungen an den Wänden, die Tunnel und Katakomben, die Eisenbahngleise und den bei Kriegsende ausgebrannten Filmbunker. Und selbst von außen erkennt man die roten Feuerspuren über den Fenstern, die niemals genutzten Treppentürme und das Luftbrückendenkmal.
Wenn eine Gesellschaft ein so bedeutendes, geschichtsträchtiges und dazu noch authentisches Denkmal geschenkt bekommt, muss sie es auch bestmöglich erhalten.
Der Flughafen steht als „Ensemble“ bereits heute unter Denkmalschutz. Die Ernennung zum Weltkulturerbe ist ein konsequenter Schritt dieses auch nach außen deutlich zu machen. Dies ist eine Aufgabe für das Land Berlin, die Deutsche Bundesregierung, die UNESCO aber auch für alle Berliner Bürger.

Verweise:
UNESCO Welterbekonvention von 1972
Führungen durch den Flughafen Tempelhof
Schleusner, A., Die Flugsteighalle für den Neubau des Flughafens Tempelhof
Neuzeitliche Stahlhallenbauten, Berlin 1938, Seiten 57-62

Informationen zum Flughafen Tempelhof

Die Geschichte des Flughafens >> Mit der Gründung der Deutschen Luftschiffahrts-Aktiengesellschaft 1909 nahm der deutsche Luftverkehr seinen Anfang. Vorreiter waren die Luftschiffe, aber schon 17.12.1903 hob das erste motorbetriebene Gleitfluggerät zu seinem 12 Sekunden dauernden Jungfernflug ab und ...

TIPP - Geschichte des Tempelhofer Feldes >> Vom Tempelhofer Feld zum Zentralflughafen Berlin-Tempelhof. Auf diesen Webseiten wird versucht, die Geschichte eines Stückchen Berlins in wenigen Worten und vielen Bildern zu erzählen.

Juristerei statt Fakten >> Immer wieder heißt es in den Aussagen der Berliner Landesregierung, der Erhalt des Flughafens Tempelhof gefährdet den Bau des neuen Großflughafens BBI. Hier soll einmal erklärt werden, was dahinter steht...

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Was aus München-Riem wurde >> Wenn man heute nach München-Riem kommt erinnert nur noch wenig an den ehemaligen Münchener Verkehrsflughafen. Dabei befand sich hier 56 Jahre lang Münchens Rollbahn zur Welt. Weithin sichtbarer Hinweis auf die alte Funktion des Geländes im Münchener Osten ist heute vor allem der alte Kontrollturm...

Freiheitsstatue für Deutschland >> Gail S. Halvorsen, der legendäre Luftbrücken-Pilot, der 1948 als Erster Pilot Fallschirmchen mit Süßigkeiten aus seinem Flugzeug abwarf, war Ehrengast der Party zum Erhalt des Flughafens Tempelhof. Er erinnerte in seiner Ansprache daran...

Contra-Tempelhof: Was sagen die Gegner >> Ein Flughafen mitten in der Stadt ist ein hohes Sicherheitsrisiko! Die technische Entwicklung der Flugzeuge geht stetig voran, so dass Maschinen leiser und umweltfreundlicher geworden sind. In der langen Geschichte des Flughafens ist im regulären Flugbetrieb lediglich eine einzige...

Nachnutzungskonzept des Senats für Tempelhof >> Nachnutzungskonzept des Senats für den Flughafen Tempelhof – Die gleichen Fehler wie nach 1989. Der Berliner Senat hat sein Konzept für die Nachnutzung des Flughafengeländes Tempelhof präsentiert. Man ist geneigt zu loben, dass man sich dort endlich Gedanken gemacht hat. Was allerdings herauskam, geht inhaltlich nicht wirklich über die Ideen hinaus, die bereits seit 1999 bekannt sind...

Offene Fragen >> Wer bezahlt die Kosten für eine vorgeschlagene Nachnutzung als „Central-Park“ Berlins, wenn nicht einmal der in direkter Nachbarschaft liegende Volkspark Hasenheide vom Drogenhandel frei gehalten werden kann?...

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Beitrag von Volker Perplies, Weiterveröffentlichung gestattet unter der Creative Commons-Lizenz

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