Nachnutzungskonzept des Senats für Tempelhof

Pressemitteilung des Aktionsbündnis „be-4-tempelhof.de“ zum Nachnutzungskonzept des Senats für den Flughafen Tempelhof - Die gleichen Fehler wie nach 1989

Die Pläne des Senats

Das Aktionsbündnis „be-4-tempelhof.de“ engagiert für den Erhalt des Flughafens Tempelhof" nimmt Stellung zu den Nachnutzungskonzepten des Berliner Senates.

Der Berliner Senat hat sein Konzept für die Nachnutzung des Flughafengeländes Tempelhof präsentiert. Nach einer Vorstellung in den Medien lud die Senatorin für Stadtentwicklung, Junge-Reyer kürzlich in Tempelhof zu einem Symposium mit internationalen Experten ein.

Volker Perplies von Aktionsbündnis „be-4-tempelhof.de“: „Man ist geneigt zu loben, dass man sich endlich Gedanken macht. Was allerdings bisher herauskam, geht inhaltlich nicht wirklich über die Ideen hinaus, die bereits seit 1999 bekannt sind.
Von dem immer wieder vollmundig verkündeten Wiesenmeer ist nicht viel geblieben. Die Pläne laufen im Wesentlichen auf eine Randbebauung des 380ha Areals hinaus. Angekündigt wird ein Mix aus „Arbeiten und innovativem Wohnen“.

„Ein bisschen Park in der Mitte wird wohl eher ein größerer Wiesensee werden. Für das Flughafengebäude mit seinen 284.000 m⊃2; Bruttogeschossfläche soll es eine kulturelle Nutzung geben, so Perplies weiter.

Die schon vorhandenen Entwicklungsgebiete Berlins stehen heute noch größtenteils leer

Die Planung setzt im Wesentlichen jene unseligen Versuche der Stadtentwicklung fort, mit denen das Land Berlin seit der Wende Milliardenbeträge in den Sand gesetzt hat.
Michael Paul, Mitglied vom Aktionsbündnis: „Bereits heute sind die offiziellen Entwicklungsgebiete Johannisthal/Adlershof, Biesdorf-Süd, Alter Schlachthof, Rummelsburger Bucht und Wasserstadt Oberhavel nur zu Bruchteilen ausgelastet und belasten den Landeshaushalt noch immer mit Millionenbeträgen.“
„Ganz zu schweigen von jenen unzähligen Industriebrachen, die von Treuhandanstalt und Investoren zu Grunde privatisiert wurden und noch immer leer stehen. Selbst bei großzügiger Planung kann man schon heute sagen, dass es beim besten Willen keinen Bedarf für die zusätzlichen Flächen in Tempelhof gibt, stattdessen aber erhebliche Kosten für Bodensanierung und Erschließung auf den Steuerzahler zukommen werden.“

Jede verantwortungsbewusste Hausfrau verbraucht zunächst ihre bestehenden Vorräte, bevor sie neue anlegt, führt Paul fort.

Was die innovativen Wohnformen angeht, darf man ebenfalls über den Erfolg spekulieren. Abgesehen davon, dass bei einem so uralten Menschheitsbedürfnis wie „Wohnen“ Innovationen nur noch bedingt möglich sind, hat man sich dafür einen denkbar ungeeigneten Ort ausgesucht. Die angrenzenden Bezirksteile Neukölln und Kreuzberg stehen bekanntermaßen im neuen Kriminalitätsatlas für Berlin ganz oben, und der direkt angrenzende Volkspark Hasenheide ist geradezu für seine Drogenszene berüchtigt.
Selbst wenn die neue Moschee am Columbiadamm hier etwas Entspannung bringen mag, so ist kaum mit einer grundlegenden Veränderung der Situation zu rechnen.

Auf dem Flughafen München-Riem gab es ein ähnliches Nachnutzungskonzept

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Erfahrung, die man anderenorts gemacht hat. Im Osten Münchens wurde 1992 der alte Flughafen Riem aufgegeben. Auch hier sollte eine ähnliche Mischung aus Arbeiten, Wohnen und Erholung entstehen.
Nach nunmehr 16 Jahren ist die ehemalige Freifläche zu rund ¾ bebaut. Der ökologische Anspruch beschränkt sich weitestgehend auf einen Bereich am südlichen Rand, auf dem im Jahr 2005 ein Teil der Bundesgartenschau stattfand.
Den größten Teil nimmt in München der Neubau der Münchener Messe ein, hinzu kommen Gewerbegebiete und ein Einkaufszentrum.
Die neu gebauten Wohnungen wurden komplett in Geschossbauweise errichtet, ein großer Teil davon als Eigentumswohnungen.
Während die Gewerbeflächen zu einem erheblichen Teil noch Mieter suchen, sind die Wohnungen aufgrund der Münchener Wohnungsknappheit trotz ihres hohen Preises größtenteils vermietet.

Das große Geschäft haben hier vor allem die Bauträger und Projektentwickler gemacht. Von den schönen Versprechungen aus der Planungszeit ist relativ wenig geblieben. Auch das Gedenken an den historischen Ort beschränkt sich auf die ehemalige Empfangshalle („Wappenhalle“) und den ehemaligen Kontrollturm.
Insgesamt prägt das Gelände vor allem der Eindruck der Eintönigkeit und Beliebigkeit.

Dem Senat liegen bessere Vorschläge vor

Michael Paul: „Interessant ist auch, dass bei der Sammlung der Vorschläge (Bürgerbeteilung und Online-Dialog der Senatsverwaltung Stadtentwicklung) zur Nutzung bzw. Nachnutzung, die einfachste Lösung, die an vorderster Stelle auftaucht, nämlich die Beibehaltung als Flughafen mit Flugverkehr unterschlagen wird.“

Paul weiter: „Im übrigem muss man dem Senat leider attestieren, dass er es auch jetzt nicht geschafft hat, dem historischen Ort Tempelhof eine überzeugende und zukunftsweisende Perspektive zu geben.
Der Senat hat ja immer wieder versprochen, dem Flughafen nach einer Schließung einen angemessenen Rahmen zu geben. Da ist es schon bedauerlich, dass auch luftfahrtnahe Nutzungskonzepte in den Senatsplanungen überhaupt nicht auftauchen.
So hatte z.B. die Berlin Brandenburg Aerospace Allianz (BBAA) vorgeschlagen, einen luftfahrtbezogenen Themenpark einzurichten. Auch wenn dieses Konzept jüngst nicht mehr aktiv propagiert wurde, so böte es doch die Chance der Erhaltung des ursprünglichen Charakters.“

Die Planung des Ingenieurbüros Zerche, die dem Senat vorliegen, böte die Chance einer zukunftsweisenden Nutzung als Ausbildungsort und Wirtschaftsfaktor.
Auch die ICAT, als Trägerin des laufenden Volksbegehrens hat in ihrem eigenen Nutzungskonzept Potentiale für eine Mischung aus Luftfahrt- und luftfahrtnaher Nutzung aufgezeigt. Selbst dabei könnten erhebliche Teile der Freiflächen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Diese Chancen verschenkt der Senat leider zugunsten eines rückwärtsgewandten „Zubaukonzeptes“.

Berlin ist die Wiege der Luftfahrt

Volker Perplis: „Kaum ein Schüler weiß heute noch, dass die Entwicklung der Luftfahrt ganz wesentlich in Berlin stattfand. Otto Lilienthal machte in Lichterfelde seine ersten Flugversuche. Das zweite Flugfeld der Welt war in Johannisthal. Der Flughafen Tempelhof war der erste Verkehrsflughafen der Welt. Hier wurde die Deutsche Luft Hansa A.G. gegründet. Auf dem „Raketenflugplatz Tegel“ machte im „Verein für Raumschiffahrt“ der junge Wernher von Braun erste Raketenversuche.“

„Von den vielen Flughäfen in und um Berlin ist fast nichts übrig geblieben. Johannisthal, noch nach der Wende Brachfläche, wurde schrittweise zugebaut. Gatow wird zugesiedelt. Die Flugplätze Oranienburg, Schönwalde, Rangsdorf und Sperenberg sind aufgegeben. Lindenberg hat es nie zu einem Flugplatz geschafft. Demnächst verlieren wir Jungfernheide, heute der Flughafen Tegel, und Tempelhof sowieso. Bleibt nur noch Schönefeld respektive BBI.
Auch wenn die Zeiten sich gewandelt haben, und Globalisierung angesagt ist: So viel Verlust an Geschichte kann niemals gut sein, so Perplies weiter.

Das Konzept wird der historischen Bedeutung des Flughafens in keiner Weise gerecht

Johann Müller, Mitglied im Aktionsbündnis und direkter Anwohner des Flughafens: „Gerade in Tempelhof kommt zu der Funktion als wegweisender Flughafen noch ein gutes Stück Weltgeschichte hinzu: Tempelhof steht gleichermaßen für Schrecken und Größenwahn des Nationalsozialismus wie für seine Überwindung. In Tempelhof wurde mit der Luftbrücke der Grundstein für ein neues, besseres Deutschland nach dem 2. Weltkrieg gelegt. Hier war das Zentrum des Kalten Krieges und hier endete er. Man kann wohl ohne Übertreibung sagen, dass ohne den Flughafen Tempelhof die Weltgeschichte anders verlaufen wäre. Dem wird man aber mit „Plattmachen und Zubetonieren“ in keiner Weise gerecht.“

Der Fall New York

Die Nutzung als Immobilienressource erinnert an fatale Weise, an die Fehler, die man weltweit immer wieder gemacht – und später bitter bereut hat.
Exemplarisch sei hier an die Geschichte der berühmten Pennsylvania Railway Station in New York erinnert. Viele kennen sie aus Glenn Millers Titel „Chattanooga Choo Choo“.
Einst eine der schönsten Eisenbahnstationen der Welt wurde sie 1963 aufgrund des enormen Immobilienwertes unter großen Protesten von den Eigentümern verkauft und abgerissen.
An ihrem Platz entstanden Bürogebäude und der Madison Square Garden. Heute zählt das Gelände zu einem der hässlichsten Manhattans.

Tempelhof ist ein historischer Ort mit Chancen zum Weltkulturerbe

Der Flughafen Tempelhof hat durch die langen Wirren der Geschichte hindurch seine Authentizität bewahrt. Der beste Erhalt dieses Denkmals ist seine weitere Nutzung.
Unsere Initiative setzt sich für die Ernennung des Flughafens zum Weltkulturerbe ein.
Dies wäre eine Möglichkeit, der historischen Bedeutung von Tempelhof gerecht zu werden, die finanziellen Probleme in den Griff zu bekommen und auch noch einen gesellschaftlichen Mehrwert zu schaffen.

Zurück auf Los!

Volker Perplies resümiert: „Das Senatskonzept ist weder zukunftsorientiert, noch finanziell tragfähig, geschweige denn ökologisch. Es ist - diesmal wirklich - rückwärtsgewandt und wiederholt die teuren Fehler der Nachwendezeit.
Seine einzige Existenzberechtigung bezieht es aus der Not, überhaupt etwas präsentieren zu müssen. Die Berliner und die Nachwelt haben etwas Besseres verdient!“

Für den Berliner Senat kann dies nur heißen: hinsetzen, nachdenken, und übereilte Aktionen vermeiden.
Es gibt nicht ein einziges Argument, Tempelhof vor dem Jahr 2011 zu schließen, aber es gibt Dutzende, es jetzt nicht zu tun. Eines davon ist das Senatskonzept.

copyright: www.be-4-tempelhof.de

Gehen Sie am 18. September wählen, wählen Sie was Sie wollen, aber wählen Sie Wowereit ab.