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Verregnetes Ende einer Legende

Verregnetes Ende einer Legende

Von Christina Hebel

Pfiffe und Buhrufe begleiteten die kitschige Abschiedsgala und die Rede vom Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit. Um Mitternacht gingen dann die Lichter auf Deutschlands bekanntestem Flughafen Berlin Tempelhof aus. Seine Zukunft ist ungewiss.

Berlin – Manch einer der Gäste muss sich die Ohren zuhalten. So laut und grell ist das Trillergepfeife. Der Weg zum Eingang der blau angeleuchteten Haupthalle des Flughafens Tempelhof – ein Spießroutenlauf. Mehrere hundert Demonstranten haben sich trotz Regens und Kälte versammelt und lassen ihre Wut raus: "Schämt Euch", schreit einer. "Das ist eine Sauerei hier", ein anderer. Das Volk auszusperren, sei unerhört. "Schande, Herr Wowereit über Sie und Ihre selbstherrliche Schließung" steht auf einem der Plakate.

Von "einer reinen Machtdemonstration von Klaus Wowereit" spricht Wolfgang Przewieslik. Er ist einer derjenigen, die gegen die Entwidmung des legendären Flughafens klagen. "Noch ist der Tempelhof ein Flughafen, ein geschlossener", sagt der 47-Jährige. Am 17. Dezember will das Oberverwaltungsgericht entscheiden. Falls notwendig, werde er alle Rechtsmittel ausschöpfen, sagt Przewieslik. Er hat sich eine gelbe Trillerpfeife umgehängt.

Ein paar Meter weiter, unter einem Zelt sortiert Ines Nagl Unterschriftenzettel. Sie und ihre Initiative "Be 4 Tempelhof" haben sich ein neues Volksbegehren ausgedacht. Es fordert unter anderem, den Tempelhof offen zu halten und vor allem als "Regierungs-, Rettungs- und Ausweichflughafen zu nutzen".

"Tempelhof soll zudem von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt werden", fordert sie. Und wieder ertönen im Hintergrund grelle Pfiffe, als Gäste ihren Weg zur blau angestrahlten Haupthalle des Flughafens suchen. Hier will man würdevoll Abschied feiern nach den Jahren der Auseinandersetzungen. Doch nicht alle 800 geladenen Gäste wollen das: Einige Tische in der noch einmal raus geputzten Haupthalle bleiben leer.

Und dann ist der Mann da, der draußen so viel Wut verursacht, weil er die Schließung von Tempelhof forciert hat: der Regierende Bürgermeister und Aufsichtsratsvorsitzende der Berliner Flughäfen Klaus Wowereit. Blitzlichtgewitter.

"Bei aller Wehmut. Es ist richtig, dass der Flugbetrieb eingestellt wird", sagt er, als er auf der Bühne steht. Buh-Rufe. "Lügner", schreit einer. Vor ihm unten steht einer seiner Bodyguards, er hat einen Schirm in der Hand. Es könnte ja was fliegen, sicher ist sicher. Ein Flughafen gehöre nicht in die Stadt, fährt Wowereit fort. "Wir haben Glück gehabt, dass nichts passiert ist in den 85 Jahren. Wieder Buh-Rufe.

Man müsse nach vorne schauen, sagt der Regierende Bürgermeister. Das fällt schwer, denn Ideen gibt es viele: Von einer Bundesgartenschau ist die Rede, einem Park, Öko-Häuser. Ein weiterer Filmstandort wäre möglich, ein Museum für Luftfahrt. Konkret ist aber nichts.

Thomas Schüttoff ist einer der Störer. Er hat eine Flugschule in Tempelhof und ist erbost "über so viel Sturheit eines Einzelnen, der nun auch noch von Sicherheit spricht". Dabei sei Tempelhof in alle 85 Jahren unfallfrei geblieben. Sich alleine auf den zukünftigen Großflughafen Berlin-Brandenburg International (BBI) in Schönefeld zu verlassen, sei naiv. Privatjets, die bisher in Tempelhof landeten, und Linienverkehr "mische man nicht auf einem Flughafen."

Einziger Lichtblick für Schüttoff an diesem Abend: Andrej Hermelin und seine Swing Band. Die Musik sei das Beste an dieser Gala. Natürlich freut sich der 44-Jährige auch über die Worte des Bandleaders. Hermelin hält zu Anfang seines Auftritts fest: "Es ist kein Geheimnis, ich hätte mir eine andere Entscheidung gewünscht."

Die Gala-Stunden: Glanzvoll sollen sie sein. Kitschig und langatmig werden sie. Historische Filme werden gezeigt: Die Luftbrücke lebt noch mal auf. Ausschnitte aus Billy Wilders Film "Eins, zwei, drei" flimmern über die Leinwand. Marlene Dietrich als prominente Tempelhof-Fliegerin winkt von einem Foto.

Für Stimmung sollen ein Elvis- und ein Tina-Turner-Double sorgen – vergebens. Nur die Damen in der Garderobe tanzen ab und an im Takt. Und natürlich wird die Zukunft beschworen, Bilder der Großbaustelle des BBI gezeigt. Die größte Europas, wie es aus dem Lautsprecher tönt.

Überhaupt sagt Wowereit in eins der vielen Mikrofone, "in zehn Minuten mehr" sei man ja in Schönefeld. Das empfinden Petra und Mark Hertling als Hohn. Sie sind Passagiere der letzten Linienmaschine der Cirrus-Airline, einer Dornier 328, nach Mannheim. Die beiden tragen blaue T-Shirts mit der Aufschrift "Wer Legenden zerstört, vergisst die nächste Wahl." "Wir sind sehr traurig, mein erster Flug ging von Tempelhof, 1968 war das", sagt der 44-jährige Mark Hertling.

Um 22.17 Uhr mit 27 Minuten Verspätung heben die beiden dann vom ältesten Verkehrsflughafen der Welt ab. Die Flughafen Feuerwehr steht Spalier.

Die allerletzten Minuten von Tempelhof – eine Aneinanderreihung von Kitsch: Eine Posaune erklingt, zwei Flughafenfahnen werden eingeholt und zu der restaurierten JU 52 der Deutschen Lufthansa Berlin-Stiftung und dem "Rosinenbomber" DC-3 gebracht.

"Time to say goodbye" erklingt es. Und da sind sie wieder: Pfiffe und Buhrufe. Gegner haben es bis auf das Vorfeld zu den Gala-Gästen geschafft. Sie rollen ein gelbes Transparent aus: "Tempelhof bleibt. Wowi fliegt."

Die Propeller gehen an, Motoren dröhnen, und der "Rosinenbomber" und die JU 52 rollen auf die Startbahn. Es ist neun Minuten vor Mitternacht, als die beiden Maschinen parallel abheben und hinter dem ausladendem Runddach von Tempelhof verschwinden. Einige Gäste wischen sich Tränen aus dem Gesicht, sie haben hier jahrzehntelang gearbeitet.

Dann gehen die Lichter aus – Stille. Tempelhof ist nach 85 Jahren Flugbetrieb Geschichte.

Draußen vor der Halle harren nur noch wenige Demonstranten aus. Sie haben Grablichter aufgestellt, ein Schild dazu gelegt. Darauf steht: "Tempelhof. Nie aufgeben".

Quelle: Spiegel-Online.de







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