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Tempelhof entdecken: 12 Orte abseits der bekannten Pfade auf be-4-tempelhof.de

Wer Berlin-Tempelhof sagt, meint meistens das Tempelhofer Feld. Das ist verständlich. Wo sonst kann man mitten in einer Millionenstadt über ehemalige Startbahnen radeln, Drachen steigen lassen, skaten oder einfach minutenlang geradeaus schauen, ohne dass einem ein Haus die Sicht versperrt? Der frühere Flughafen hat Tempelhof weit über Berlin hinaus bekannt gemacht. Gleichzeitig verdeckt seine enorme Präsenz jedoch, wie viel es rundherum zu entdecken gibt.

Tempelhof ist viel mehr als sein berühmtes Feld

Tempelhof gehört nicht zu jenen Berliner Gegenden, die ihre Attraktionen auf dem Silbertablett präsentieren. Es gibt keine kilometerlange touristische Flaniermeile, keine weltberühmte Museumsinsel und kein geschlossenes Altstadtviertel. Dafür liegen hier mehrere Jahrhunderte Stadtgeschichte erstaunlich dicht nebeneinander. Mittelalterliche Feldsteine treffen auf Industriebauten der Weimarer Republik, Siedlungsarchitektur auf monumentale Relikte des Nationalsozialismus, ehemalige Fabriken auf alternative Kulturprojekte und alte Hafenanlagen auf heutiges Freizeitvergnügen.

Gerade das macht einen Spaziergang durch Tempelhof interessant. Man muss ein wenig genauer hinsehen. Hinter einer stark befahrenen Straße beginnt plötzlich ein fast dörflicher Park. Zwischen Gewerbehallen taucht ein monumentaler Kran auf. Ein unscheinbares Kasernengebäude führt unmittelbar in die Geschichte des Jahres 1933. Ein paar U-Bahn-Stationen weiter erinnert ein weithin sichtbarer Backsteinturm daran, dass Berlin einmal eine der bedeutendsten Zeitungsmetropolen Europas war.

Tempelhof ist kein historisch einheitlicher Kiez. Der Ort wuchs in Schichten. Das alte Dorf, die Industrialisierung, der Bau des Teltowkanals, die rasche Expansion Berlins, die Gartenstadtbewegung, die Luftfahrt, Krieg und Teilung und schließlich der Wandel von Industrieflächen zu Kultur- und Freizeitorten haben jeweils ihre Spuren hinterlassen.

Zwölf davon lohnen einen genaueren Blick.

1. Dorfkirche Tempelhof: Wo die Geschichte des Ortsteils beginnt

Zwischen Tempelhofer Damm, Rathaus, Wohnhäusern und Verkehr lässt sich leicht übersehen, dass Tempelhof einen mittelalterlichen Kern besitzt. Wer vom U-Bahnhof Alt-Tempelhof nur wenige Minuten in Richtung Parkstraße geht, findet sich überraschend schnell in einer völlig anderen Umgebung wieder.

Im Zentrum steht die Dorfkirche Tempelhof. Ihre Ursprünge reichen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Damit führt sie in eine Epoche, in der von Berlin als heutiger Metropole noch keine Rede sein konnte. Tempelhof war eine kleine Siedlung, deren Geschichte eng mit dem Templerorden verbunden ist. Die Kirche gehörte wahrscheinlich zur dortigen Niederlassung des Ordens.

Besonders bemerkenswert ist ihre Lage. Die Kirche steht nicht einfach wie viele Dorfkirchen auf einem breiten Anger, sondern erhöht auf einem alten Kirchhof. Feldsteinmauern, alte Bäume und die Grünanlagen der Umgebung lassen für einen Moment vergessen, dass einer der wichtigsten Verkehrswege des Berliner Südens nur wenige Schritte entfernt liegt.

Das heutige Gebäude trägt zugleich Spuren sehr unterschiedlicher Zeiten. Die mittelalterliche Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt und anschließend wieder aufgebaut. Wer sie betrachtet, sieht deshalb kein vollständig konserviertes Bauwerk aus dem Mittelalter, sondern ein Stück Architektur, an dem sich Zerstörung, archäologische Forschung und Wiederaufbau gleichermaßen ablesen lassen.

Für Tempelhof ist dieser Ort deshalb weit mehr als eine hübsche alte Kirche. Er erinnert daran, dass der Name des Stadtteils wesentlich älter ist als Flughafen, Ringbahn und Großstadt. Noch bevor Tempelhof Industriegebiet, Wohnquartier oder Luftfahrtstandort wurde, existierte hier eine kleine märkische Siedlung.

Am schönsten erschließt sich die Kirche nicht als einzelnes Ziel, sondern gemeinsam mit den angrenzenden Grünflächen. Genau dort beginnt eine überraschende Seite Tempelhofs.

2. Alter Park und Lehnepark: Ein grünes Stück altes Tempelhof

Unmittelbar rund um den historischen Dorfkern erstreckt sich eine Folge kleiner Parkanlagen. Alter Park und Lehnepark sind keine spektakulären Landschaftsparks, und gerade deshalb werden sie leicht übersehen. Wer Tempelhof nur vom Tempelhofer Damm kennt, würde eine derart ruhige Grünlandschaft kaum wenige Meter hinter der Hauptstraße vermuten.

Der Reiz liegt weniger in einzelnen Sehenswürdigkeiten als in der Atmosphäre. Wege führen an alten Bäumen vorbei, Wasserflächen öffnen den Blick, dazwischen taucht immer wieder die Dorfkirche auf. Das Gelände wirkt stellenweise eher wie der Park einer brandenburgischen Kleinstadt als wie eine Grünanlage innerhalb Berlins.

Dabei erzählen die Parks auch etwas über die Topografie des alten Tempelhofs. Die Landschaft ist keineswegs vollkommen eben. Kleine Höhenunterschiede und Senken erinnern daran, dass die natürliche Form dieses Gebietes lange vor der dichten Bebauung entstanden ist.

Besonders angenehm ist die geringe Distanz zwischen verschiedenen Stadtwelten. Am Tempelhofer Damm bestimmen Geschäfte, Busse und dichter Verkehr den Rhythmus. Wenige Minuten später hört man hauptsächlich Vögel, Gespräche und das Rascheln der Bäume.

Alter Park und Lehnepark eignen sich deshalb hervorragend für jene Art von Berlin-Erkundung, bei der nicht der einzelne Fotopunkt zählt. Man kann langsam gehen, auf einer Bank sitzen und anschließend durch die angrenzenden Straßen weiterziehen.

Wer Tempelhof verstehen möchte, sollte diese kleinen Grünanlagen nicht unterschätzen. Sie zeigen, dass sich der historische Kern des Stadtteils trotz enormen Wachstums nicht vollständig in der Großstadt aufgelöst hat.

3. Bosepark: Der Park, an dem viele einfach vorbeifahren

Westlich des Tempelhofer Damms liegt mit dem Bosepark eine weitere Grünanlage, die hauptsächlich den Menschen aus der unmittelbaren Umgebung bekannt ist. Touristische Berlin-Routen führen hier kaum vorbei. Für einen Streifzug durch Tempelhof ist der Park gerade deshalb interessant.

Der Bosepark gehört zu einer ganzen Kette von Grünräumen, die sich durch das alte Tempelhof zieht. Statt einer riesigen zentralen Anlage entstanden unterschiedliche Parks mit jeweils eigenem Charakter. Zusammen bilden sie grüne Inseln zwischen dicht bebauten Wohnquartieren.

Der Bosepark wirkt stärker wie ein klassischer Stadtteilpark als der unmittelbar an die Dorfkirche anschließende historische Grünraum. Menschen führen Hunde aus, Kinder spielen, Nachbarn sitzen auf Bänken oder nutzen die Wege als Abkürzung durch den Kiez. Genau darin besteht seine Qualität.

Berlin wird häufig über außergewöhnliche Orte erzählt. Dabei sagen die gewöhnlichen Orte mindestens ebenso viel über eine Stadt aus. Ein Park wie der Bosepark wurde nicht geschaffen, damit Besucher ihn auf einer Liste abhaken. Er ist Teil des täglichen Lebens.

Wer an einem warmen Nachmittag dort sitzt, bekommt deshalb einen ziemlich unverstellten Eindruck von Tempelhof. Keine touristische Kulisse, kein inszeniertes Berlin, sondern ein Wohnviertel, das seinen öffentlichen Raum benutzt.

Zusammen mit Alter Park, Lehnepark und dem etwas weiter südlich gelegenen Franckepark lässt sich hier ein Spaziergang unternehmen, der eine unerwartet grüne Schneise durch Tempelhof zieht.

4. Franckepark: Ein Stück Landschaft mit ungewöhnlicher Vergangenheit

Der Franckepark gehört zu den Orten, die man leicht für einen ganz normalen Berliner Stadtpark halten könnte. Doch seine Geschichte ist ungewöhnlicher, als es die ruhigen Wege und alten Bäume vermuten lassen.

Das Gelände ist eng mit dem Unternehmer Theodor Francke verbunden. Im 19. Jahrhundert befand sich hier ein Gewerbestandort, an dem unter anderem Elfenbein verarbeitet wurde. Tempelhof lag damals noch deutlich außerhalb der Berliner Innenstadt und bot Platz für Betriebe, die in der wachsenden Stadt zunehmend Raum benötigten.

Der heutige Park lässt von dieser industriell geprägten Vergangenheit nur wenig erahnen. Gerade dieser Kontrast macht ihn interessant. Landschaften verändern ihre Funktion, während Spuren früherer Nutzungen verschwinden oder nur noch in historischen Quellen erhalten bleiben.

Der Franckepark zeigt damit beispielhaft, wie Tempelhof gewachsen ist. Das alte Dorf wurde zunächst von Gewerbe und Industrie umgeben, später immer stärker in die Großstadt integriert. Flächen wechselten mehrfach ihre Funktion. Produktionsorte wurden Parks, Verkehrsflächen Freizeitgebiete und Fabriken Kulturzentren.

Für einen Spaziergang eignet sich der Franckepark besonders in Verbindung mit dem historischen Zentrum rund um Alt-Tempelhof. Statt einzelne Ziele mit der U-Bahn anzufahren, lässt sich so nachvollziehen, wie kleinteilig dieser Teil Berlins eigentlich aufgebaut ist.

Tempelhof zeigt hier eine Qualität, die im Schatten des riesigen Tempelhofer Feldes leicht übersehen wird: Viele seiner interessantesten Grünräume sind nicht monumental, sondern überraschend intim.

5. Gartenstadt Neu-Tempelhof: Berlin mit Vorgarten

Nördlich des alten Tempelhofer Zentrums verändert sich das Stadtbild erneut. Rund um den Adolf-Scheidt-Platz, den Rumeyplan und die geschwungenen Straßen von Neu-Tempelhof findet sich eine Wohnlandschaft, die wenig mit dem üblichen Bild des dicht bebauten Berliner Mietshausviertels zu tun hat.

Die Gartenstadt Neu-Tempelhof entstand vor allem in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Niedrige Häuser, Vorgärten, Grünflächen, Plätze und eine bewusst geplante Straßenführung sollten ein anderes Wohnen ermöglichen als in den dicht gedrängten Quartieren der Innenstadt.

Das lässt sich bis heute erkennen. Wer zu Fuß durch die Nebenstraßen geht, erlebt eine ungewöhnliche Mischung aus Großstadt und beinahe kleinstädtischer Wohnsiedlung. Häuser stehen nicht einfach in endlosen geraden Blöcken. Straßen knicken ab, Plätze öffnen sich, Bäume und Vorgärten bestimmen das Bild.

Besonders charakteristisch ist der Adolf-Scheidt-Platz. Er wurde in den 1920er Jahren gestaltet und bildet ein Zentrum der Siedlung. Die umliegende Bebauung und die Grünflächen sind keine zufällige Ansammlung, sondern Teil eines städtebaulichen Gesamtkonzeptes.

Interessant wird Neu-Tempelhof auch durch seine unmittelbare Nachbarschaft zum ehemaligen Flughafen. Auf der einen Seite kleinteilige Wohnbebauung mit Gärten und Plätzen, auf der anderen eine der größten zusammenhängenden Freiflächen Berlins. Kaum irgendwo wird deutlicher, wie unterschiedlich Stadtplanung innerhalb weniger hundert Meter aussehen kann.

Wer Architektur mag, sollte hier nicht nach einem einzelnen spektakulären Gebäude suchen. Der eigentliche Sehenswürdigkeitswert besteht im Ensemble. Neu-Tempelhof erschließt sich am besten langsam, Straße für Straße.

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6. Das Flughafengebäude: Der bekannte Ort, den viele nie wirklich gesehen haben

Fast jeder Berliner kennt den Flughafen Tempelhof. Weitaus weniger Menschen kennen allerdings das Gebäude jenseits seiner weithin sichtbaren Fassade.

Die Luftfahrtgeschichte des Tempelhofer Feldes begann lange vor dem heutigen Monumentalbau. Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fanden hier spektakuläre Flugvorführungen statt. 1923 wurde der Flughafen offiziell eröffnet. Der heute prägende Gebäudekomplex entstand größtenteils zwischen 1936 und 1941 nach Plänen des Architekten Ernst Sagebiel.

Seine Dimensionen erschließen sich von außen nur unvollständig. Hangars, Abfertigungsbereiche, Verwaltungsräume und weitere Funktionen wurden zu einem gigantischen zusammenhängenden Komplex verbunden. Die geschwungene Gebäudefront folgt dem Flugfeld über eine enorme Strecke.

Die Geschichte des Ortes ist widersprüchlich. Der Neubau war Teil der Architektur und Selbstdarstellung des nationalsozialistischen Regimes. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Standort für Rüstungsproduktion genutzt; auch Zwangsarbeiter mussten hier arbeiten.

Nur wenige Jahre später erhielt Tempelhof eine vollkommen andere symbolische Bedeutung. Während der Berlin-Blockade 1948 und 1949 wurde der Flughafen zu einem zentralen Ziel der Luftbrücke und damit zu einem Symbol für die Versorgung West-Berlins.

Danach diente Tempelhof wieder dem zivilen Luftverkehr. 2008 endete der Flugbetrieb endgültig, 2010 wurde das Feld für die Freizeitnutzung geöffnet.

Wer ausschließlich draußen über die Startbahnen spaziert, erlebt deshalb nur einen Teil dieses Ortes. Das Flughafengebäude selbst erzählt von Technikbegeisterung, Diktatur, Krieg, Luftbrücke, Kaltem Krieg und ziviler Luftfahrt. Kaum ein Bauwerk in Berlin vereint derart unterschiedliche Kapitel des 20. Jahrhunderts an einem einzigen Ort.

7. Der Schwerbelastungskörper: Ein Betonklotz für eine nie gebaute Stadt

An der Grenze zwischen Tempelhof und Schöneberg steht eines der bizarrsten Bauwerke Berlins. Wer nicht weiß, wonach er sucht, kann den gewaltigen Betonblock zwischen Straßen, Bahnflächen und Bäumen erstaunlich leicht übersehen.

Der sogenannte Schwerbelastungskörper wurde 1941 und 1942 errichtet. Hinter dem nüchternen Namen verbirgt sich ein Relikt der nationalsozialistischen Planungen zur radikalen Umgestaltung Berlins.

Albert Speer plante im Auftrag des NS-Regimes eine monumentale Nord-Süd-Achse durch die Hauptstadt. Zu den vorgesehenen Bauwerken gehörte ein gigantischer Triumphbogen. Doch der Berliner Untergrund bereitete Probleme. Deshalb sollte mit dem Schwerbelastungskörper getestet werden, wie stark sich der Boden unter einem extremen Gewicht absenken würde.

Das Ergebnis war ein massiver Betonzylinder von rund 12.000 Tonnen Gewicht. Ein großer Teil des Bauwerks reicht in den Boden hinein. Was heute wie ein überdimensionierter Bunker wirkt, war in Wahrheit ein technisches Experiment für ein noch viel größeres Bauprojekt.

Gerade darin liegt seine Wirkung. Der Schwerbelastungskörper ist nicht schön und soll es auch nicht sein. Er macht Größenwahn buchstäblich schwer und sichtbar.

An diesem Ort lässt sich außerdem gut erkennen, wie wichtig der richtige Umgang mit historischen Relikten ist. Ein solches Bauwerk sollte weder als kurioses Fotomotiv verharmlost noch aus dem Stadtbild getilgt werden. Als Informationsort kann es zeigen, welche Dimensionen die nationalsozialistischen Planungen für Berlin angenommen hatten.

Viele berühmte NS-Baupläne existieren nur noch auf Papier oder in Modellen. Hier steht ein reales Stück davon mitten in der Stadt.

8. SA-Gefängnis Papestraße: Geschichte hinter einer unscheinbaren Fassade

Nur wenige Minuten vom Bahnhof Südkreuz entfernt befindet sich ein Ort, dessen äußere Erscheinung kaum auf seine historische Bedeutung schließen lässt. Im Keller eines ehemaligen Kasernengebäudes an der heutigen Werner-Voß-Damm befindet sich der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße.

1933, unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, richtete die SA dort ein frühes Konzentrationslager ein. Menschen wurden inhaftiert, verhört, misshandelt und gefoltert. Zu den Verfolgten gehörten insbesondere politische Gegner des Regimes, Juden und andere Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden.

Das Lager bestand nur einige Monate. Gerade diese frühe Phase des NS-Terrors gerät neben den später errichteten großen Konzentrations- und Vernichtungslagern leicht aus dem Blick. Doch die Gewalt begann nicht erst Jahre später. Bereits 1933 entstanden zahlreiche Haftorte, an denen die neue Diktatur Gegner einschüchterte und ausschaltete.

In der Papestraße sind ehemalige Kellerräume erhalten geblieben, die als Haftzellen dienten. Das unterscheidet den Ort von vielen anderen frühen Terrorstätten, die später zerstört oder vollständig umgebaut wurden.

Ein Besuch verlangt eine andere Haltung als ein Spaziergang durch einen Park oder eine ehemalige Fabrik. Der Gedenkort ist keine Sehenswürdigkeit im klassischen Sinn. Er ist ein historischer Lernort.

Gerade deshalb gehört er zu einer ernsthaften Erkundung Tempelhofs. Stadtgeschichte besteht nicht nur aus schöner Architektur und nostalgischen Geschichten. Manche unscheinbaren Gebäude erzählen von Ereignissen, die sich nicht angenehm konsumieren lassen, aber verstanden werden müssen.

9. Tempelhofer Hafen: Ein Binnenhafen mitten im Kiez

Wer den Tempelhofer Damm Richtung Süden fährt, erwartet nicht unbedingt einen Hafen. Genau darin liegt der besondere Reiz des Tempelhofer Hafens.

Das Hafenbecken entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit dem Bau des Teltowkanals. Der Kanal sollte den Schiffsverkehr im Berliner Zentrum entlasten und gleichzeitig neue Industrie- und Gewerbestandorte südlich der damaligen Hauptstadt erschließen.

Der Tempelhofer Hafen war dabei keineswegs als Freizeitkulisse gedacht. Hier wurden Waren umgeschlagen und gelagert. Speicher, technische Einrichtungen, Kräne und Verkehrsanbindungen machten den Standort zu einem wichtigen Teil der Versorgung des Berliner Südens. Im großen Speichergebäude lagerten unter anderem Getreide, Zucker und Tabak.

Heute wirkt die Umgebung völlig anders. Einzelhandel, Gastronomie, Freizeitnutzung und Boote prägen das Bild. Die historische Hafenstruktur ist dennoch erkennbar geblieben.

Besonders spannend ist der Blick über das Wasser. Hafenbecken, Speicherarchitektur, moderne Nutzungen und das mächtige Ullsteinhaus ergeben ein Stadtpanorama, das mit dem klassischen Berlinbild rund um Fernsehturm, Brandenburger Tor oder Museumsinsel nichts zu tun hat.

Der Hafen ist zugleich ein guter Ausgangspunkt, um Tempelhofs industrielle Geschichte zu entdecken. Der Teltowkanal zog im frühen 20. Jahrhundert zahlreiche Unternehmen an. Wasserstraße, Bahnanschlüsse und große verfügbare Grundstücke machten die Gegend zu einem attraktiven Produktionsstandort.

Wer heute am Wasser sitzt, befindet sich deshalb mitten in einer historischen Industrielandschaft, auch wenn sie auf den ersten Blick kaum noch danach aussieht.

10. Ullsteinhaus: Der Backsteinriese der Berliner Pressegeschichte

Direkt beim Tempelhofer Hafen erhebt sich eines der beeindruckendsten Industriegebäude des Berliner Südens. Der Turm des Ullsteinhauses ist weithin sichtbar, trotzdem kennen viele Berliner weder den Namen noch die Geschichte des Gebäudes.

Errichtet wurde das Druckhaus zwischen 1925 und 1927 für den Ullstein-Verlag. Der Architekt Eugen Schmohl entwarf einen gewaltigen Komplex aus dunklem Backstein, dessen markanter Turm fast wie das Hochhaus einer amerikanischen Großstadt der 1920er Jahre wirkt.

Das Gebäude war nicht bloß repräsentative Architektur. Hier wurde produziert. Berlin war eine der großen europäischen Pressemetropolen, und Ullstein gehörte zu den bedeutendsten Verlagshäusern der Stadt. Zeitungen und Zeitschriften wurden in riesigen Auflagen hergestellt. Ein modernes Druckhaus musste deshalb wie eine hoch organisierte Industrieanlage funktionieren.

Das Ullsteinhaus erzählt gleichzeitig von einem dunklen Kapitel deutscher Mediengeschichte. Der jüdischen Familie Ullstein wurde ihr Unternehmen während der nationalsozialistischen Herrschaft genommen. Der traditionsreiche Name verschwand zeitweise aus dem Betrieb.

Wer heute vor dem Gebäude steht, kann diese Geschichte nicht unmittelbar an seiner Fassade ablesen. Genau deshalb lohnt es sich, den Hintergrund zu kennen. Architektur bekommt eine andere Bedeutung, sobald sichtbar wird, welche Menschen und Unternehmen mit ihr verbunden waren.

Besonders eindrucksvoll wirkt das Ullsteinhaus vom Wasser beziehungsweise vom gegenüberliegenden Hafenbereich. Dann zeigt sich die gesamte Massivität des Komplexes.

Wer Industriekultur in Berlin nur mit Oberschöneweide verbindet, entdeckt hier eine zweite, oft unterschätzte Welt.

11. Die ehemalige Sarotti-Fabrik: Als Tempelhof nach Schokolade roch

Der Teltowkanal zog nicht nur Verlage und Logistikbetriebe an. Entlang seiner Ufer entstand eine vielfältige Industrielandschaft. Einer der bekanntesten Namen, die hier produzierten, war Sarotti.

Die Geschichte des Unternehmens begann bereits im 19. Jahrhundert. Mit dem schnellen Wachstum wurde ein neuer großer Produktionsstandort benötigt. Ab 1911 entstand deshalb in Tempelhof eine Schokoladenfabrik am Teltowkanal.

Nach einem Brand im Jahr 1922 wurden große Teile der Anlage neu errichtet. Die Fabrik entwickelte sich zu einem hochmodernen Produktionsstandort, an dem zeitweise enorme Mengen Schokolade hergestellt wurden.

Für heutige Besucher ist gerade die Vorstellung interessant, dass Tempelhof über Jahrzehnte nicht nur Wohn- und Verkehrsgebiet, sondern ein bedeutender Produktionsstandort war. Tausende Menschen arbeiteten in Fabriken und Gewerbebetrieben. Waren wurden per Schiff, Bahn und Lastwagen transportiert. Der Teltowkanal war Teil eines industriellen Systems.

Die Schokoladenproduktion in Tempelhof endete erst 2003. Damit reicht diese Geschichte viel näher an die Gegenwart heran, als es die historische Architektur vermuten lässt.

Ein Besuch der ehemaligen Sarotti-Anlage ist kein klassischer Fabrikrundgang. Interessant ist vor allem die Außenwirkung des Ensembles und seine Einordnung in das Industrieband entlang des Kanals.

Wer vom Tempelhofer Hafen weiterzieht, kann dadurch eine völlig andere Stadtkarte lesen. Plötzlich sind die alten Gebäude keine zufälligen Backsteinbauten mehr. Sie markieren die wirtschaftliche Entwicklung Berlins im 20. Jahrhundert.

Und die Vorstellung, dass in diesem Teil Tempelhofs einmal der Duft der Schokoladenproduktion in der Luft gelegen haben muss, verleiht der ansonsten eher nüchternen Industriegeschichte eine überraschend sinnliche Seite.

12. Der VAUBEKA-Portalkran: Ein Industriedenkmal für Entdecker

Noch weniger bekannt als die ehemaligen Fabriken am Teltowkanal ist ein gewaltiges technisches Relikt in der Teilestraße. Dort steht eine historische Portalkrananlage, die einst dem Umschlag schwerer Güter diente.

Der VAUBEKA-Portalkran wirkt heute beinahe surreal. Eine große Stahlkonstruktion erhebt sich über einem Areal, das von Gewerbebauten und Betriebsflächen geprägt ist. Es ist kein sorgfältig inszenierter touristischer Aussichtspunkt und genau deshalb ein ideales Ziel für Menschen, die gern ungewöhnliche Seiten Berlins entdecken.

Die Anlage erinnert an die Zeit, als Kohle, Baustoffe und andere Massengüter in großen Mengen über Wasserwege transportiert wurden. Häfen und Verladeanlagen am Teltowkanal waren entscheidende Schnittstellen zwischen Schiff, Bahn und Straße.

Technische Infrastruktur verschwindet häufig besonders schnell aus dem Stadtbild. Sobald eine Anlage wirtschaftlich nicht mehr gebraucht wird, erscheint sie zunächst wertlos. Kräne werden demontiert, Gleise entfernt, Lagerflächen bebaut. Erhaltene Anlagen besitzen deshalb einen besonderen dokumentarischen Wert.

Der Portalkran macht sichtbar, wie körperlich die Versorgung einer Großstadt einst war. Güter mussten angehoben, verschoben, gelagert und weitertransportiert werden. Hinter jedem Wohnhaus, jeder Fabrik und jedem Geschäft stand ein umfangreiches logistisches System.

Wer solche Orte spannend findet, kann die südlichen Teile Tempelhofs beinahe wie ein Freilichtmuseum der Industriekultur lesen. Das Museum besitzt nur keine Eingangstür. Seine Exponate stehen zwischen Werkstätten, Straßen und Wasser.

13. Die ufaFabrik: Wie aus einem Industrieareal ein alternatives Stadtmodell wurde

Die ufaFabrik gehört zu den ungewöhnlichsten Orten Tempelhofs, weil hier nicht nur alte Gebäude weitergenutzt wurden. Auf dem Gelände entstand seit Ende der 1970er Jahre der Versuch, Kultur, Arbeiten, Wohnen, soziale Projekte und ökologische Ideen miteinander zu verbinden.

Ursprünglich befanden sich hier Einrichtungen der Filmindustrie. Seit den 1920er Jahren wurden auf dem Gelände Filmkopien hergestellt. Nach Aufgabe der industriellen Nutzung stand das Areal vor einer ungewissen Zukunft.

1979 nahm eine Gruppe das Gelände friedlich wieder in Betrieb. Aus dieser Initiative entwickelte sich die heutige ufaFabrik.

Was damals alternativ und für viele vermutlich ziemlich exotisch klang, wirkt aus heutiger Perspektive erstaunlich modern. Energieeffizienz, begrünte Dächer, Regenwassernutzung, gemeinschaftliches Arbeiten, lokale Lebensmittelversorgung und nachhaltige Gebäudetechnik wurden hier diskutiert und teilweise praktisch umgesetzt, lange bevor Nachhaltigkeit zum festen Bestandteil städtischer Strategiepapiere wurde.

Gleichzeitig entwickelte sich ein Kulturstandort mit Veranstaltungen, Theater, Musik, Zirkus und zahlreichen sozialen Angeboten.

Gerade diese Kombination macht die ufaFabrik interessanter als ein gewöhnliches Kulturzentrum. Das Gelände erzählt von einem historischen Wandel, der in Berlin häufig stattgefunden hat: Eine industrielle Nutzung endet, und an ihrer Stelle entsteht etwas völlig Neues.

Tempelhof erscheint hier nicht als Museum vergangener Zeiten, sondern als Labor dafür, wie vorhandene Stadt weiterentwickelt werden kann.

Während wenige Kilometer entfernt das monumentale Flughafengebäude von staatlicher Macht, Verkehr und großer Architektur erzählt, entstand in der ufaFabrik ein Gegenmodell im kleinen Maßstab: gemeinschaftlich, experimentell und von unten organisiert.

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Tempelhof erschließt sich am besten zu Fuß und mit dem Fahrrad

Die zwölf Orte zeigen, warum Tempelhof ein ungewöhnlich guter Stadtteil für Entdeckungstouren ist. Es gibt nicht das eine historische Zentrum, in dem alle Sehenswürdigkeiten nebeneinanderstehen. Die Geschichten verteilen sich über den gesamten Ortsteil.

Das kann zunächst unpraktisch erscheinen, ist aber Teil des Reizes. Zwischen zwei Zielen verändert sich die Stadt ständig. Vom alten Dorfkern führt der Weg durch Wohnstraßen und Parks. Neu-Tempelhof zeigt die Wohnungsbauideen des frühen 20. Jahrhunderts. Rund um das ehemalige Flughafengelände verdichtet sich die politische Geschichte. Weiter südlich bestimmen Teltowkanal, Hafen und Industriearchitektur das Bild.

Zu Fuß lassen sich besonders der Bereich rund um Alt-Tempelhof sowie Neu-Tempelhof gut erkunden. Für die weiter auseinanderliegenden Industrieorte ist das Fahrrad ideal. Tempelhof ist weitgehend flach, und zahlreiche Ziele können zu einer längeren Tour miteinander verbunden werden.

Dabei lohnt es sich, nicht ständig der schnellsten Strecke zu folgen. Eine Nebenstraße kann interessanter sein als die Hauptverkehrsachse. Ein kleiner Park erzählt manchmal mehr über das Wohngefühl eines Viertels als ein weithin bekanntes Monument.

Auch die Tageszeit verändert viele Orte. Der Tempelhofer Hafen wirkt am frühen Abend vollkommen anders als während des Einkaufsbetriebs am Mittag. Das Ullsteinhaus bekommt bei tief stehender Sonne eine beinahe dramatische Wirkung. Die Parks rund um Alt-Tempelhof sind am Morgen besonders ruhig.

Wer fotografiert, findet entsprechend viele Motive jenseits der üblichen Berlin-Ansichten. Backsteinfassaden spiegeln sich im Kanal, alte Industrieanlagen bilden Kontraste zu moderner Nutzung und kleine Wohnstraßen liefern Bilder, die kaum jemand sofort mit der deutschen Hauptstadt verbindet.

Warum Tempelhof gerade wegen seiner Brüche interessant ist

Tempelhof besitzt keine makellose historische Kulisse. Das ist ein Vorteil.

An vielen Orten Berlins wird Stadtgeschichte auf einzelne Epochen reduziert. Ein Gründerzeitkiez erscheint als geschlossenes Ensemble, ein Schloss repräsentiert eine bestimmte Herrschaftszeit, eine Industrieanlage erzählt von einer bestimmten wirtschaftlichen Phase.

In Tempelhof liegen die Schichten sichtbar übereinander.

Die mittelalterliche Dorfkirche steht in einem Stadtteil mit U-Bahn und mehrspurigen Straßen. Eine Gartenstadt des frühen 20. Jahrhunderts grenzt an einen monumentalen Flughafenbau. Ein NS-Versuchsbau steht nahe Wohnhäusern und Bahnanlagen. Ein ehemaliger Güterhafen dient heute der Freizeit. Ein riesiges Verlagshaus wurde zum Industriedenkmal. In einer ehemaligen Filmfabrik werden ökologische und kulturelle Projekte betrieben.

Gerade die Übergänge erzählen die Geschichte.

Berlin wurde niemals fertig geplant und anschließend nur noch bewohnt. Die Stadt wurde fortlaufend umgebaut, zerstört, erweitert, geteilt, repariert und neu interpretiert. Tempelhof macht diesen Prozess auf vergleichsweise engem Raum sichtbar.

Das berühmte Tempelhofer Feld bleibt selbstverständlich ein außergewöhnlicher Ort. Wer allerdings nur dort seine Runde dreht und anschließend wieder in die U-Bahn steigt, kennt Tempelhof noch lange nicht.

Manchmal genügt es, ein paar Straßen weiterzugehen.

Dann wird aus dem vermeintlich bekannten Stadtteil plötzlich ein ziemlich weites Feld.

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